HERBERT GRÖNEMEYER
Leonce und Lena.
"Büchner hat gewusst, wie töricht es ist, Langeweile auszublenden oder gar bekämpfen zu wollen. Er lässt Leonce und Lena geduldig durch ihre Langeweile hindurchgehen. Die beiden erleben, was der Ennui mit ihnen macht, welche Verwandlungsideen er ihnen eingibt. Die Figuren werden dabei von sich selbst entfernt und kehren dann, mit neuartigen Bildern beschenkt, zu sich zurück."
Wilhelm Genazino in seiner Rede zur Verleihung des Büchnerpreises 2004
Was Generationen von Schülern im Deutschunterricht eher widerwillig über sich ergehen ließen, bringt uns Herbert Grönemeyer jetzt unterhaltsam und überaus spannend näher. Mit seiner musikalischen Adaption von Georg Büchners Tragikomödie "Leonce und Lena", die er im Auftrag des Meisterregisseurs Robert Wilson komponierte, baut er selbst jenen Zeitgenossen, die bei Theaterkunst normalerweise abwinken, eine Brücke zur Hochkultur. Das gelingt, indem er die Aktualität des Stoffes mit heutigen Sound- und Stilmitteln gekonnt herausstreicht. Schließlich handelt das Stück, das Büchner 1836 für einen Literaturwettbewerb des Cotta-Verlags verfasste, von einer in Pessimismus erstarrten Gesellschaft und von gelangweilten Jugendlichen ohne Perspektive, die mit ihrem Lebensverdruss eine in unseren Tagen weit verbreitete Befindlichkeit vorwegnehmen.
Das vorliegende Doppelalbum vermittelt diese Null-Bock-Mentalität anhand von zeitgemäß gestalteten Liedern und Instrumentaltiteln, die Grönemeyer ursprünglich für die Version an der traditionsreichen Berliner Brecht-Bühne am Schiffbauer Damm schrieb. Sie wurden nun im Studio mit dem Orchester Büchners Erben und jenen Schauspielern vom Berliner Ensemble aufgenommen, die vor zwei Jahren die Aufführung an der Spree zum "Publikumserfolg des Jahres" (ZDFtheaterkanal) machten. Charakterdarsteller wie Walter Schmidinger, Nina Hoss, Markus Meyer und Stefan Kurt laufen hier auch in ihren Gesangsrollen zur Hochform auf.
Wer Grönemeyer bislang nur als Pop- und Rockmusiker kannte, wird erstaunt sein ob der stilistischen Vielfalt. Wild wuchernde Klänge aus der Zirkusmanege, volkstümliche Walzer, Leierkastenklänge, Chansonartiges, komplexe Kanongesänge, fetzige Gassenhauer und schummrigen Jazz verquickt er zum packenden Klangerlebnis. Auf der ersten CD des Doppelalbums kommen zur Musik dann noch von Herbert Grönemeyer selbst gesprochene Zwischentexte, die die Geschichte der Königskinder Leonce und Lena in Kurzform nacherzählen und als roter Faden durch das Hörbuch leiten. Die zweite CD enthält die Songs ohne Zwischentexte, was die Konzentration auf die eigentlichen Kompositionen lenkt.
Robert Wilson, der zuvor zusammen mit Tom Waits den "Freischütz" ("The Black Rider", 1991), "Alice im Wunderland" ("Alice", 1992) und "Woyzeck" ("Blood Money", 2001) wegweisend inszeniert hatte, hat Büchners Lustspiel in ein von Kritik und Zuschauern gleichermaßen umjubeltes "art musical" verwandelt. Wilson kennt und schätzt Grönemeyer bereits seit langem, seine Songtexte ließ er sich im Vorfeld ins Englische übersetzen. Der Texaner und der Westfale waren einander in den frühen Achtzigern schon einmal kurz begegnet, als Herberts Frau Anna am Kölner Schauspielhaus in "Civil Wars" spielte. Zwanzig Jahre später fühlte sich Grönemeyer - laut eigenem Bekunden - "extrem geehrt", als Wilson ihn anrief und zur Kooperation einlud. Allerdings fiel es ihm anfangs schwer, Lieder für andere Sänger zu schreiben: "Es war das erste Mal, dass ich nicht von dem ausgehen konnte, was in meinem Kopf passiert, sondern dass ich mich in den Kopf fremder Figuren versetzen musste", so der Künstler auf einer Pressekonferenz. Sechsmal las er "Leonce und Lena", erst dann fand er den richtigen Zugang.
Die Mühe hat sich gelohnt, wie die Reaktionen des Feuilletons und der Fernsehredaktionen beweisen. Die Presse feierte das Gemeinschaftsprojekt von Wilson und Grönemeyer als "witzig-bildgewaltige Satire" (Der Spiegel) und "betörend schönes Bildertheater" (3SAT). Die Fernsehfassung wurde folgerichtig für den Adolf Grimme Preis nominiert. Für Herbert Grönemeyer bedeutete diese Inszenierung eine triumphale Rückkehr ans Theater. Schließlich begann seine künstlerische Laufbahn einst auf Bühnenbrettern. Noch vor dem Schulabschluss hatte er sich am Schauspielhaus Bochum als Korrepetitor und Komponist beworben. Mitte der Siebziger komponierte er Bühnenmusiken für die Shakespeare-Stücke "Das Wintermärchen", "Der Kaufmann von Venedig" und "Wie es euch gefällt", danach wurde von Peter Zadek seine Schauspielerbegabung entdeckt. Es folgten Engagements am Schauspielhaus Hamburg, am Staatstheater Stuttgart und an der Freien Volksbühne Berlin sowie unter anderem Filmrollen in "Frühlingssinfonie" und "Das Boot", bevor sich Grönemeyer uneingeschränkt auf seine Musikerkarriere konzentrierte.
Erst zwei Jahrzehnte später blühte die Leidenschaft fürs Theater dann bei "Leonce und Lena" wieder auf. Herbert Grönemeyer deutet Büchners Stück über den Prinzen Leonce von Popo und die Prinzessin Lena von Pipi, die gegen ihren Willen verheiratet werden sollen und dann unabsichtlich doch als Liebespaar zusammenfinden, als Sozialsatire. Seiner Meinung nach handelt das Lustspiel, wie er 2003 im Programmheft anmerkte, "von der Unfähigkeit der Deutschen, über sich selbst zu lachen. Ich glaube, heutzutage haben wir das gleiche Problem wie Büchner: Wir leben in schwierigen Zeiten, klar, aber wir sind genauso wenig in der Lage, über uns zu lachen, uns nicht ganz so ernst zu nehmen." Herbert Grönemeyer glaubt an die befreiende, heilende Wirkung des Lachens, die einem in Depressionen versunkenen Deutschland ein Stück weit aus der Misere helfen könnte. Humor als Therapie. Oder, um es mit einem Song von "Mensch" zu sagen: "Lache, wenn es nicht zum Weinen reicht".
August 2005
